„Die Beziehungen [...] zwischen Mann und Weib [...] zur sittlichen, freien Höhe emporheben.“ Hugo Bettauer (1872-1925)

Was war schon die Erregung über die Erotikromanze ‚50 Shades of Grey’ im Jahre 2011 im Vergleich zu ‚Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik’, die der Journalist Hugo Bettauer ab 1924 herausgegeben hat? Darin setzte er sich unter anderem für ein modernes Scheidungsrecht, für die Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs, für den Schutz unehelicher Kinder sowie für Straffreiheit der Homosexualität unter Erwachsenen ein. Das Ganze wurde ergänzt durch eine fachärztliche Ratgeberrubrik in Sexualfragen und durch Annoncen für Kontaktsuchende. Immer wieder wurde seine Zeitschrift beschlagnahmt, Bettauer erhielt öffentliche Drohungen und Morddrohungen. Schon bald wurde er wegen Pornografie vor Gericht gestellt, freigesprochen gab er sofort eine neue Zeitschrift heraus. ‚Bettauers Wochenschrift. Probleme des Lebens (Aufklärung und Ratschläge für zwischenmenschliche Beziehungen)’ erreichte dank seines Ruhms traumhafte Verkaufszahlen. 
 
So beschrieb er beispielsweise unter dem Titel ‚Das lebende Kind darf ermordet werden’ (15. Mai 1924) die kläglichen Lebensbedingungen lediger Mütter und unehelicher Kinder im Gegensatz zur ‚Nachsicht’ der Gerichte gegenüber den zahlungsunwilligen Schwängerern: „Nie ist das Mädchen mitschuldig! Sie wollte das Kind nicht, sie hat gar keine Möglichkeit, die Empfängnis allein zu verhüten, sie muss sich auf die Anständigkeit des Mannes verlassen, der ihr sicher versprochen hat, sie nicht ins Unglück zu bringen. [...] Denn nur der Mann kann es verhüten, dass ein Kind gezeugt wird. [...] Wüssten sie [die Männer], dass ein uneheliches Kind ernstlich ihre Existenz gefährdet, so würden sehr, sehr wenige uneheliche Kinder das Licht einer Welt erblicken, die ihnen zum frühen Friedhof, zum Siechenhaus oder zum Gefängnis wird.“[1]
 
Bettauer ließ auch Gastautoren zu Wort kommen. So schrieb etwa Johann Ferch, „der tapfere, unermüdliche Bekämpfer des Mutterschaftszwanges“ unter dem Titel ‚Die Hetzjagd auf Frauen’ „eine Serie von Berichten aus der Praxis seines Kampfes gegen den § 144. Diese Berichte enthalten nur Wirklichkeit, es ist den Tatsachen nicht ein Wort hinzugefügt.“[2]
 
Der „junge sozialistische Maler aus derselben geistigen Schule wie George Grosz und Käthe Kollwitz“ Franz Reichental (František Reichentál, 1895-1871) setzte das Elend in Bilder um: „Die Proletarierin, die Jahr für Jahr ein unterernährtes, rachitisches Kind in die Welt setzen muss, bei der der Kindersarg Einrichtungsgegenstand der ‚Wohnung’ ist, die schon wieder ein Kind trägt, wenn sie das vorige noch an der Brust trägt – eine Folge des Gebärzwanges.“[3]
 
Von Bettauers Weitblick zeugen Darstellungen von den Anfängen der Hormonforschung, die schließlich zur Entwicklung der Pille führen werden. „Temporäre hormonale Sterilisation: Auf dem Kongreß deutscher Physiologen berichtete Dr. Haberlandt über Versuche, denen auch für die praktische Medizin, für Sexualhygiene und Eugenik eine epochale Bedeutung zukommen dürfte. Es gelang ihm, bei Kaninchen und Meerschweinchen durch Überpflanzung von Eierstöcken trächtiger Tiere in normale Weibchen diese für einige Zeit zu sterilisieren, das heißt unfruchtbar zu machen. Er führt diese Erscheinung darauf zurück, dass die überpflanzten innersekretorischen Organe eine hemmende Wirkung auf die Keimzellenbildung ausüben.“[4]
 
Andere mutige Themen sind ‚Das Wunder der Liebe – Eine gemeinverständliche Darstellung der Fortpflanzung bei Tier und Mensch’[5], ‚Neue Wege in der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten’[6] oder eine Serie ‚Sexualkatastrophen – Bilder aus dem modernen Geschlechts- und Eheleben’, für die er den Sexualwissenschafter Magnus Hirschfeld (1868-1935) zur Mitarbeit gewinnen konnte.[7]
 
Neben seiner Arbeit als Aufdeckerjournalist in Berlin, Hamburg, New York und Wien war Bettauer auch Schriftsteller. Viele seiner 20 Romane und Kriminalromane wurden erfolgreich verfilmt. Am Bekanntesten wurde ‚Die Stadt ohne Juden’ (1922), in dem sich der Autor mit dem damals herrschenden Antisemitismus auseinandersetzte. 
 
Seine eigene jüdische Herkunft und die Brisanz seiner Themen sind schließlich die Beweggründe für ein Schussattentat am 10. März 1925 durch den Nationalsozialisten Otto Rothstock. Am 26. März 1925 erliegt Bettauer seinen Verletzungen. Bettauer war das erste Opfer von NS-motivierter politischer Gewalt in Österreich, Rothstock machte später eine NS-politische Karriere. 
 
Seit 1. Dezember 2009 ist Hugo Bettauer Namensgeber eines Platzes im 8. Wiener Gemeindebezirk, um sein Schicksal als eines der ersten Opfer der Nationalsozialisten zu würdigen.
 


[1] Hugo Bettauer: Das lebende Kind darf ermordet werden, Bettauers Wochenschrift 11/1926, S 2
[2] Johann Ferch, in: Bettauers Wochenschrift, 7. Juli – 21. August 1924
[3] Bettauers Wochenschrift 27/1924, S 3
[4] Bettauers Wochenschrift 29 v. 27. Nov. 1924, S 2
[5] Ewald Schild: Samenzellen und Eier, Bettauers Wochenschrift 16/1927, S 7  
[6] Bettauers Wochenschrift 49/1926, S 6
[7] Bettauers Wochenschrift 35/1926, S 2, Bettauers Wochenschrift 41/1926, S 5, Bettauers Wochenschrift 13/1927, S 13