Tove Ditlevsen: Abhängigkeit (1971)
" Sie sind im zweiten Monat.", sagt Dr. Herborg, mein Arzt, und setzt sich wider,.... "Ich möchte dieses Kind aber nicht haben", sage ich eindringlich, "es war ein Versehen. Ich muss das Pessar falsch eingesetzt haben." ... "Kann ich es denn nicht wegmachen lassen?", frage ich vorsichtig, woraufhin sein Lächeln sofort erschlafft. "Von mir nicht", antwortet er reserviert, "wie Sie villeicht wissen, ist das auch verboten." Also frage ich, wie Lise es mir geraten hat, ob er mir jemanden empfehlen kann. "Nein", antwortet er nur knapp, "auch das ist nicht erlaubt." Ich gehe zu meiner Mutter, weil ich weiß, sie wird mich verstehen. Sie sitzt in der Küche und legt Patiencen. "Ach", sagt sie, als sie von meinem Anliegen erfährt, "es ist gar nicht schwer, das wieder loszuwerden. Kauf die in der Apotheke eine Falsche Bernsteinöl. Die brauchst du nur auszutrinken, dann erledigt sich das schon. Bei mir hat es so zweimal geklappt, ich weiß also, wovon ich rede. ... "Ich kann nicht", sage ich verzweifelt, "das kriege ich auf keinen Fall runter."
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Ich muss daran denken, dass sie zehn Kinder geboren hat, weil Lises Vater immer ein Kind in der Wiege liegen haben wollte und niemand an ihrer Meinung interessiert war. Als wir bei Lise zu Hause ankommen, sagt sie, ich dürfe nciht panisch werden, es sei noch genur Zeit, um einen Ausweg zu finden. Sie will eine junge Frau aus ihrem Büro fragen, die vor zwei Jahren illegal ein Kind abgetrieben hat. ... Dr. Leunbach führt solche Eingriffe derzeit nicht durch, weiß Lise, weil er gerade dafür hinter Gittern gesessen hat.
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Lise versteht mich also auch nicht. "Ich möchte nicht, dass etwas mit mir geschieht, was ich nicht will", erwidere ich leidenschaftlich. "Es ist, als wäre man in eine Falle geraten. Unsere Ehe übersteht nicht noch eine Flaute. Ich ertrage es ja jetzt schon nicht mehr, das Ebbe mich anfasst."
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Am nächsten Morgen beginnt meine Arzt-Odyssee. Ich kann nur einige wenige am Tag abklappern, weil sie alle zur selben Zeit Sprechstunde haben. In meinem abgetragenen Trenchcoat und mit dem roten Halstuch sitze ich all diesen Weißkitteln gegenüber, die mich nur kalt und verständnislos ansehen. "Wer um alles in der Welt hat Ihnen meine Adresse gegeben? Gute Frau, es gibt Mädchen, die viel schlimmer darn sind als Sie. Sie sind immerhin verheiratet und haben bereits ein Kind." "Sie wollen mich doch nicht etwa zu einer kriminiellen Handlung überreden?", sagt einer von ihnen. "Da ist die Tür!" Gedemütigt und elend gehe ich wieder nach Hause, ...
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Doch auf diese Weise einen Abtreibungsarzt zu finden ist wie die Suche nch der Nadel im Heuhaufen, weshalb ich nach ein paar Tagen aufgebe. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn ich weiß, dass niemand diesen Eingriff durchführt, wenn man über den dritten Monat hinaus ist. ... Inzwischen gehören die Männer nicht mehr zu meiner Welt. Sie sind fremde Wesen von einem anderen Stern. Sie haben noch nie etwas in ihrem eigenen Körper gespürt. Sie besitzen keine zarten, weichen Organe, in denen sich ein Schleimklumpen wei eine Geschwulst einnisten und ein eigenes Leben führen kann, vollkommen unabhängig von ihrem Willen. Eines Abends fahre ich zu Nadjas Vater und erkundige mich, wo sie mit ihrem Seemann wohnt. ... Als ich ihr mein Anliegen schildere, sagt sie, sie wolle mir Chinintabletten besorgen. Damit hat sie selbst einmal abgetrieben. "Das kann aber ein paar Tage dauern, die sind nicht leicht zu beschaffen. Ich verstehe dich gut", sagt sie un erinnert sich. "Man hasst es, und man denkt daran, wie es Augen und Finger und Zehen bekommt, kohne dass man das Geringste dagegen ausrichten kann. Man starrt fremde Kinder an und findet rein gar nichts Versöhnliches an ihnen. Man kann an ncihts anderes denken, als dass man endlich wieder allein in seiner eigenen Haut stecken will.